Porträt Anton Gärtner

Anton ist bebeistert von den Laufprothesen.
Schnell und geschickt klettert Anton die Wände hoch.
Im Wasser fühlt sich Anton sehr wohl.

Porträt Anton Gärtner

Man sieht es Anton nicht an. Der neunjährige Junge mit dem pfiffigen Gesicht kommt gerade aus der orthopädischen Klinik. Dort hat er seine neue Prothese abgeholt. Anton hatte ein Osteosarkom im Oberschenkel. Im Jahr 2012 wurde sein linkes Bein amputiert. Da war er gerade sieben Jahre alt, und in der ersten Klasse.

Als Anton erfährt, dass sein Bein amputiert wird, muss er weinen. Seine Eltern trösten ihn. Sie bringen ihn auch zum Lachen in dieser schweren Situation. Reden von Halloween und darüber, wie Anton im Schwimmbad die Badegäste schocken kann. Dann muss Anton wieder weinen. Aber keine Sekunde verliert er den Mut. Die Ärzte raten zu einer Borggreve-Plastik, der sogenannten Umkehrplastik. Dabei wird das Sprunggelenk des Fußes zum Kniegelenk. Es ist klar, dass viele Monate Krankenhaus und Rehaklinik bevor stehen. Im Familienverband – Anton hat einen jüngeren und zwei ältere Brüder – wird eine Liste der Dinge erstellt, die nach der Zeit im Krankenhaus und der Rehaklinik stattfinden sollen. Darunter ist Canyoning auf Korsika und das Streicheln von Delfinen.

Anton kennt sich nach der Operation in den weitläufigen Gängen und Stockwerken der Klinik schnell sehr gut aus. Den Weg zu den vielen verschiedenen Untersuchungsorten kennt er besser als seine Mutter, die sich ohne ihn möglicherweise verlaufen hätte. Nach der Klinik folgt die Reha. Die ganze Familie verbringt sechs Wochen in der Rehaklinik Tannheim im Schwarzwald. „Der Patient heißt Familie“ ist der Leitsatz dieser Klinik, die auf die Rehabilitation von Familien mit krebs-, herz- und mukoviszidosekrankten Kindern spezialisiert ist. An diese Wochen denken alle Familienmitglieder dankbar zurück. Auch die älteren Brüder von Anton fühlen sich dort wohl. Alle können hier durchatmen und sich nach den Aufregungen der vergangenen Wochen unter fachlicher Anleitung erholen und neu stabilisieren.

In der Zeit in Klinik und Reha kommt dennoch der Schul-Unterricht etwas kurz. Anton wiederholt die erste Klasse, wobei wiederholt hier nicht das richtige Wort ist. Er hat viel vom Stoff der ersten Klasse versäumt. Die Eltern finden ein gutes Bildungs-Fundament sehr wichtig, Anton fügt sich, wenn auch unter Protest. In der neuen Klasse wird er ganz selbstverständlich aufgenommen. Anton kann schließlich auch alles – außer rennen. Er macht mit Feuereifer bei den Bundesjugendspielen mit. Im Winter verschafft ihm seine Behinderung keine Vorteile. Er bekommt eine Ehrenurkunde. Im Sommer muss er – weil er nicht laufen kann – zweimal die Disziplin Weitsprung absolvieren. Und bekommt wieder eine Ehrenurkunde. Er sammelt viele Sportabzeichen und –urkunden, ebenso wie die meisten Kinder und Jugendlichen.

Anton klettert, organisiert von „Anpfiff ins Leben“ im Rahmen des Projekts „Bewegungsförderung für Amputierte“, in der Kletterhalle des DAV Heidelberg schnell und geschickt die Boulderwände hoch, spielt beim Amputierten-Fußball mit, fährt Wasserski. Die anderen - erwachsenen - Amputierten freuen sich über seine Anwesenheit, seine Lebendigkeit. Dort findet Anton viele Beispiele dafür, wie es nach einer Amputation weitergehen kann.

Von der Liste der Dinge, die nach dem Klinikaufenthalt getan werden sollen, kann das ein oder andere bereits gestrichen werden. Anton beweist beim Canyoning auf Korsika an einem Wasserfall, wie flink und sicher er auch beim Klettern im freien Gelände ist. Da staunen die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen, als Anton oben ankommt: Nass, mit ruinierter Badehose und leicht ramponierter Prothese - aber so stolz und glücklich. Anton paddelt, er kann segeln und er möchte gerne irgendwann auch Football spielen. Bei ihm scheint nichts unmöglich zu sein.

Was vermisst Anton? Bei dieser Frage wird er sehr ernst. Er hatte in der Klinik eine Freundin, Zoe. Sie hat ihren Krebs nicht besiegen können und ist gestorben. Zuhause, im Schlaf. Anton wurde sehr früh mit dem Thema Krankheit und Tod konfrontiert, in jener Zeit, die er auf der Station 31/4 der Universitätsmedizin Mannheim verbringen musste. Sein Plan für die Zukunft sieht so aus: „Medizin in Heidelberg studieren, und dann in Mannheim auf der 31/4 arbeiten“, das kommt wie aus der Pistole geschossen, wenn man ihn nach seinen Berufswünschen fragt.

Es stört Anton, dass er nicht schnell rennen kann. Die anderen Kinder auf dem Schulhof rennen weg. Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Ein Klapproller verhilft Anton zu Geschwindigkeit und einer größeren Reichweite.

Noch in der vergangenen Woche war Anton in Irland. . Er hat dort, gemeinsam mit Kindern aus ganz Europa, am „Barettstown Gang Camp“ teilgenommen. Dieses Ferienlager wird speziell für Kinder mit schwerwiegenden Krankheiten ausgerichtet. Kein geringerer als der Filmschauspieler Paul Newman (26.01.1925 – 26.09 2008) hat im Jahr 1994 die Stiftung ins Leben gerufen, die dieses Projekt trägt. Dort hatte er die Möglichkeit zum Klettern, Reiten, Bogenschießen – aber auch zum Töpfern oder Experimentieren im Chemielabor. Er hat auch in dieser Freizeit schnell Freunde gefunden.

Andrea Gärtner, Antons Mutter, ist wahrhaftig froh, dass sie in der Metropolregion Rhein-Neckar leben. Es gibt hier viele gute Orthopädietechniker, gute Kliniken, eine der besten Gehschulen Deutschlands und viele Menschen und Betriebe, die sich mit dem Thema Amputation und Prothetik auskennen. Sie sagt: „Wir haben viel Unterstützung erfahren, von allen Seiten.“ Anton habe es ihnen stets leicht gemacht, mit der neuen Situation umzugehen. Das glaubt man sofort.

Dann fällt Anton noch eine kleine Anekdote ein: Er war in der Orthopädischen Klinik in der Gehschule. Als er eine Toilette suchte, fand er nur eine Behindertentoilette. Auf die, so denkt Anton, darf er nicht gehen, die ist nur für Behinderte. Und dann fällt ihm ein: „Klar kann ich die benutzen – ich bin doch jetzt behindert.“ – und über die Erkenntnis in diesem Moment muss er heute noch lachen.

Aufgezeichnet im August 2014 von Stephanie Riechwald