"Ich sehe Fußballer oft Bizeps- oder Bauchmuskeln trainieren. Aber diese Muskeln sind zweitrangig. Wichtiger ist die ganze hintere Kette des Körpers. Die liefert dir im Sprint den Schub nach vorne."

„Ehrgeiz im Fitnessraum zahlt sich aus"

Thomas Gundelfinger ist seit 1993 selbstständiger Fitnesstrainer. In Walldorf trainiert er nicht nur den FC- Astoria, sondern auch Senioren, Menschen mit Amputation und die Mitarbeiter von Anpfiff ins Leben.

Thomas, mal ehrlich: Warum sollte ich als Fußballer im Hantelraum schwitzen? Macht Krafttraining nicht langsam?

Das ist absolut falsch! Genauso ist es ein weit verbreiteter Irrtum, dass Krafttraining das Wachstum von Jugendlichen beeinflusst. Das Gegenteil ist richtig: Muskeln braucht ein Fußballer vor allem für einen schnellen Antritt.

…und wenn ich schon schnell bin?

Deine Endgeschwindigkeit kannst du als Erwachsener vielleicht nicht mehr groß verbessern, aber beim Antritt kann man immer noch ein paar Prozente rausholen. Außerdem brauchst du eine gute Rumpfstabilität im Zweikampf und Sprungkraft für Kopfballduelle. Auch für die Verletzungsprofilaxe ist der Muskelaufbau sehr wichtig.

Und was ist mit Spielern wie Philipp Lahm oder Thomas Müller?

Auch die haben absolut durchtrainierte Muskeln – aber eben da wo es zählt! Ich sehe Fußballer oft Bizeps- oder Bauchmuskeln trainieren, zum Beispiel mit Bankdrücken oder Crunches. Aber diese Muskeln sind eh schon unter Spannung und daher zweitrangig. Wichtiger ist die ganze hintere Kette des Körpers. Die liefert dir im Sprint den Schub nach vorne.

Thomas Gundelfinger hier beim Einzeltraining
Thomas Gundelfinger hier beim Einzeltraining


Welche Muskeln gehören zur hinteren Kette?

Der Rückenstrecker im Lendenwirbelbereich, die Gesäßmuskulatur, die Muskulatur der hinteren Oberschenkel und die Zwischenschulterblattmuskulatur. Diese Muskelgruppen werden im normalen Trainingsalltag nur bedingt trainiert, deswegen sollte man sie gerade in der Vorbereitung ruhig auf Maximalkraft trainieren und die Belastung  in der Runde etwas runterschrauben.

Bei Astoria Walldorf übernimmst du das Training abseits des Balls, von den Jungs ab der U11 bis zur Regionalliga-Mannschaft. Welchen Stellenwert hat Athletik-Training bei Fußballern auf diesem Niveau?

Im Förderzentrum Walldorf spielen gute Fußballer, aber keine Profis.  Hier wird also nicht im selben Ausmaß im Kraftraum trainiert wie in Hoffenheim. Gerade deswegen kann ich oft sehen, dass diejenigen, die im Fitnessraum den größten Ehrgeiz zeigen, auch im Fußball weiter kommen. Ein perfektes Beispiel ist Philipp Klingmann, der immer hart an sich gearbeitet hat und inzwischen Stammspieler beim SV Sandhausen ist. Auch Marvin Wanitzek, der jetzt beim KSC spielt, war ein Spieler, der mit besonderem Ehrgeiz an die Sache gegangen ist. Die Mühe im Kraftraum zahlt sich also aus. Und zwar nicht nur bei ambitionierten Fußballern.

Auch die Smarttracktest überwacht Thomas Gundelfinger
Auch den Smarttracktest überwacht Thomas Gundelfinger

Wen trainierst du noch?

Für Anpfiff ins Leben trainiere ich noch neun Seniorengruppen, sieben in Walldorf und zwei in Hoffenheim. Dazu eine Gruppe Menschen mit Amputation. Auch die Rhein-Neckar Löwen betreue ich im Athletikbereich, in der Vorbereitung vermehrt und während der Saison einmal die Woche. Dazu arbeite ich als Personal Trainer mit einzelnen Sportlern. Spieleragenturen schicken ihre Talente zu mir, um Defizite abzubauen oder um sie nach Verletzungen auf das Mannschaftstraining vorzubereiten. Aber auch ganz normale Berufstätige kommen zu mir. Das sind oft 45-, 50-Jährige, die beruflich viel leisten und es als Vorsorge machen. Für den Rücken, die Gelenke, den Nacken oder um Gewicht zu verlieren. Es ist also eine ziemlich bunte Mischung, auch die No Angels habe ich schon fit gemacht. 

Wer ist die größere Herausforderung: Jugendliche oder Senioren?

Jugendliche sind schon eher mal unkonzentriert und benötigen dann mehr Aufmerksamkeit. Aber die meisten akzeptieren meine klare Linie. Senioren und Amputierte sind für mich keine Herausforderung, auch wenn ich schon an Demenz erkrankten Menschen die Geräte jedes Training neu erklären musste. Vielmehr machen sie demütig und dankbar. Sie lassen einen in die Zukunft schauen. Man sieht, dass es sich lohnt, schon jetzt etwas für seine Fitness und Gesundheit zu tun, damit man auch im Alter noch fit ist.

Thomas führt einen Sprinttest mit drei Spielern der Walldorfer U14 durch.
Thomas führt einen Sprinttest mit drei Spielern der Walldorfer U14 durch.


Das war für dich aber nicht der ausschlaggebende Grund, um ins Fitnessstudio zu gehen…

Stimmt. Ich wog als Crossläufer unter 60 Kilo und wollte einfach Muskeln aufbauen. Das war 1983, vor der Fitness-Bewegung, als man noch zum Bodybuilding in die Muckibude ging. Das habe ich auch gemacht. Mich immer wieder selbst zu überwinden wurde zu einer kleinen Sucht, inzwischen werde ich nach drei, vier Tagen ohne Training unleidig. Ich habe aber nicht nur für Bodybuilding-Wettkämpfe trainiert, mich haben auch immer die Themen Fitness und Gesundheit interessiert. Deswegen habe ich viele Fortbildungen gemacht. Seit 1996 bin ich inzwischen selbstständig und ab 1999 bin ich ausgebildeter Fitnessfachwirt. Inzwischen hat sich ein großer Wandel in der Szene vollzogen. Früher ging man in kleine Muckibuden, weil man aussehen wollte wie Arnold Schwarzenegger. Heute gibt es riesige Studios, in die eine viel diversere Kundschaft strömt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl älterer Besucher stetig vergrößert. Für einen Fitnesstrainer ist das eine viel größere Herausforderung als früher, er muss sich in vielen unterschiedlichen Bereichen auskennen. Es ist aber eine tolle Entwicklung, dass sich dieses Bewusstsein inzwischen bei Menschen aller Altersklassen entwickelt hat.

Selbst bei den Anpfiff-Mitarbeitern...

… auch bei denen wird es immer besser!

Thomas Gundelfinger ist ein enger Ansprechpartner für die Nachwuchstrainer des FC-Astoria Walldorf.
Thomas Gundelfinger ist ein enger Ansprechpartner für die Nachwuchstrainer des FC-Astoria Walldorf.